Brigitte Moshammer-Peter aktuelles

BURN-OUT IM SCHLAFZIMMER BRINGT SEELENQUAL

 

Wer keine Sehnsucht mehr nach Sex hat, weil er körperlich und seelisch ausgebrannt ist, dem kann geholfen werden. Etwa jeder zehnte ist bereits vom „Sex-burn-out" betroffen. Aber nur Wenige Sprechen darüber.

 Text:  Dr.  Karl Reis

 

Ich habe mich als Totalversager erlebt", erzählt der 46-jährige Werner. Nach Umstrukturierungen im Betrieb wächst ihm die Arbeit über den Kopf, dazu kommt massives Mobbing durch Kollegen. „Von heute auf morgen hat es dann auch im Bett absolut nicht mehr geklappt." Mehr und mehr kapselt sich Werner von seiner Lebensgefährtin ab. Ähnlich ergeht es Manuela (37): Job, Haushalt, zwei Kinder - das überfordert sie auf Dauer. Ihr Mann widmet sich nur mehr seiner Karriere. Die früher gesellige Frau merkt lange nicht, dass sie überhaupt keine Freunde mehr trifft. „Irgendwann war auch Sex für mich nur mehr eine lästige Pflicht, fast ein halbes Jahr lang habe ich dann mit meinem Mann keinen sexuellen Kontakt mehr gehabt."

 

KRANKMACHENDE STRESSBELASTUNG

„Vermindertes sexuelles Verlangen und Luststörungen sind Symptome und langfristige Folgen des Burn- out-Syndroms", erklärt die Sexualtherapeutin Brigitte Moshammer-Peter. „Man gerät dabei immer tiefer in die Burn-out-Spirale: ein langsamer und schleichender Prozess." Treffen kann es Männer und Frauen, in allen Berufsgruppen und Lebenssituationen. Wer seine Ziele außergewöhnlich hoch steckt, stets perfekt sein oder allen helfen will, ist doppelt gefährdet, energetisch und emotional „auszubrennen". Obwohl ausgepowert vom Job oder durch Mehrfachbelastungen, will man um jeden Preis „funktionieren" und geht dabei ständig über seine Grenzen hinaus. Wird der innere Motor zu lange überdreht, ohne Organismus und Psyche einen Ausgleich zu gönnen, führt das zu chronischer Überlastung und Erschöpfung. Man hat für nichts mehr Energie: „Wer von Burn-out betroffen ist, leidet zu fast 100 Prozent auch an sexueller Lustlosigkeit", bestätigt auch Sexualtherapeut Herbert Antonu. Alarmsignale für leere  Batterien: Probleme beim Ein- und Durchschlafen, ständige Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, kein Bedürfnis mehr nach sozialen Kontakten, Antriebslosigkeit, Rückzug und schwere Depressionen.

 

BURN-OUT IM SCHLAFZIMMER BRINGT SEELENQUAL

Der Dauerstress senkt den Spiegel der weiblichen und männlichen Sexualhormone und „raubt" die sexuelle Kraft. Viele verdrängen und tabuisieren ihre Sexualstörung, trotz quälender Schuldgefühle dem Partner gegenüber - und verschlimmern dadurch die Situation noch. Ihr Verhalten bringt Unsicherheit, Eifersucht und Misstrauen in die Beziehung. Eine seelische Belastung für beide. Die negative Energie kann auch als „Krankmacher" wirken (v. a. für Herz und Kreislauf). Da hilft es doppelt, über seinen Schatten zu springen und therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das sollte in jedem Fall - parallel zur Sexualtherapie - ein gründlicher medizinischer Check sein. Geklärt wird dabei, ob körperliche Ursachen vorliegen (z. B. Bluthochdruck oder Diabetes). Da gibt es dann oft große Überraschungen: „Viele Männer - gerade besonders erfolgreiche - kommen mit einer Erektionsstörung oder einer verminderten Libido. Nach einem langen Erstgespräch stellt sich dann heraus, dass sie unter einem Burn-out-Syndrom leiden", erzählt der Sexualmediziner Georg Pfau.

 

AUSGEZEICHNETE  THERAPIECHANCEN

Hilfe bringen psychotherapeutische Einzelsitzungen (Singles); am besten bewährt in der Sexualtherapie haben sich Paarsitzungen, speziell wenn beide eine „Lusthemmung" als Symptom entwickelt haben (etwa nach einer Geburt). Gemeinsam soll das Paar den Teufelskreis „knacken" und das lusttötende Umfeld „entstressen". Das bedeutet etwa, Ziele im Beruf und im Privatleben neu zu definieren (vgl. „Persönliche Vorsorge"). Die Erfolgsquote der Sexualtherapie liegt bei über 90 Prozent. Auch Werner und Manuela haben nach einigen Wochen Therapie gemeinsam mit ihrem jeweiligen Partner wieder die Erotik entdeckt. Jetzt kommen sie einmal pro Monat zum vorbeugenden therapeutischen „Coaching", um die Basis ihres Sexuallebens immer wieder aufzufrischen. Mit dem Ziel, Sex als etwas zu erleben, das Vitalität bringt und nachgewiesenermaßen die Anfälligkeit für Erkrankungen senkt.

 

nr. 2/09 Gesundes Leben